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Sylvia Linder, Astrologin

Astrologie und Aufklärung – eine Hassliebe

Astrologie ist etwas zutiefst Rationales. Sie hat mit Glauben nichts zu tun, da sie auf Naturgesetzen beruht. An die Schwerkraft muss auch niemand glauben. Niemand springt einfach aus dem dritten Stock, um nach unten zu kommen, wir nehmen die Treppe. Jeder weiß, dass der Mond Ebbe und Flut steuert. Und Sie kennen die Spannung, die sich in einem Gewitter entlädt.

Wenn Extreme aufeinanderprallen, seien es Luftdruckunterschiede oder innere Kräfte, kommt es zu dieser Gereiztheit, die sich so lange aufbaut, bis der Ausgleich erfolgt. Dann sind wir wieder „ausgeglichen“. Zumindest in der äußeren Natur sind solche Vorgänge für jeden erkennbar, wir müssen nicht an sie glauben, weil wir sie ständig erleben. Wer bewusst lebt, kennt auch die inneren Entsprechungen, den Kosmos im Kleinen.

Doch hatten frühe Wissenschaftler erstmal massiv mit Glaubensfragen zu kämpfen: Als Johannes Kepler das Fernrohr um 1610 so verbessert hatte, dass hiermit auch die Planetenoberflächen betrachtet werden konnten, „entzauberte“ er in den Augen seiner Zeitgenossen die göttliche Vollkommenheit: Die Sonne zeigte Flecken, also Makel, Saturn hatte Henkel anstatt schön rund zu sein, der Mond präsentierte Berge und Täler wie die „sündige“ Erde, die Venus mit ihren Phasen bewies endgültig das heliozentrische Weltbild (Sonne als Mittelpunkt, nicht Erde). Ein Skandal! Der gleich durch einen weiteren gefolgt wurde: Die Weigerung der Kirchenfürsten, selbst durch das Fernrohr zu schauen. Ihr Argument: Da die Sonne keine Flecken haben kann, seien diese sicherlich auf Fehler im Fernrohr zurückzuführen. Weil nicht sein kann, was nicht sein darf? Ich stelle fest: Heute benehmen sich viele „aufgeklärte“ Menschen genauso wie damals die Kirchenobrigkeit. Sie glauben (!), die Erkenntnisse der Astrologie seien inakzeptabel und verweigern von vorneherein jegliche Beschäftigung damit. So unterzeichneten 1975 mehr als 180 Wissenschaftler eine Erklärung gegen die Verbreitung astrologischen Wissens und als BBC-Reporter nach den Gründen fragten, mussten sie passen: Sie hätten doch eher gefühlsmäßig mitgemacht. Argumentationsnot!

Und das bei den vermeintlich stets sachlich-logischen, rationalen Wissenschaftlern. Aber den Kirchenfürsten, die nicht durch das Fernrohr sehen wollten, ging es ja genauso. Dahinter steckt folgendes Phänomen: Haben Menschen erstmal längere Zeit eine bestimmte Meinung gehabt, wollen sie unbedingt daran festhalten. Nicht, weil die Meinung so gut ist, sondern weil sie sie so lange hatten! Sie ist uns vertraut, wir fühlen uns wohl und sicher damit. Neues dagegen fordert uns heraus, wir begeben uns auf wackeligen Boden. Erfreulicherweise steht die Astrologie auf einer stabilen, bewährten Grundlage: Über Generationen hinweg haben Menschen diese Prinzipien ausprobiert, es handelt sich um Erfahrungswissen. Hierzu Carl Friedrich von Weizsäcker: "Ich bin als Physiker an die Sache [Astrologie] herangegangen mit aller Skepsis. ... Ich habe den Eindruck gewonnen, einfach in der Beschäftigung damit, dass empirisch etwas dran ist. Ich bin zwar skeptisch gegen die Astrologen, aber ich bin auch skeptisch gegen die Meinung der Physiker."

Ein Teil der Astrologie ist also sachlich und vernünftig, von daher mit der Aufklärung prima vereinbar. Aber Wahrheit war damals fatalerweise eins mit naturwissenschaftlicher Beweisbarkeit, und Beweise für so komplexe Zusammenhänge gab es und gibt es nicht - Gefühle sind ja ebenfalls nicht messbar. Folglich kam die Astrologie genauso unter die Räder wie der bis dahin übliche Gottesglaube, der anfangs für alle unerklärlichen Naturphänomene herhalten musste wie schon bei den Babyloniern. Von kirchlicher Seite wurde die Astrologie mal gefördert, mal bekämpft: Papst Leo X.  richtete 1520 einen Lehrstuhl in Rom hierfür ein und ließ Teile seines Horoskops an die Decke des Vatikanpalastes malen. Papst Paul III. setzte hingegen später sämtliche astrologische Schriften auf den Index der verbotenen Bücher, auch des Grundlagenwerk des Claudius Ptolemäus von 140 n. Chr., der an der berühmten Bibliothek von Alexandria (Ägypten) gearbeitet hatte und dessen astrologische Erkenntnisse bis heute anerkannt sind. Und von wissenschaftlicher Seite kam ebenfalls sowohl Unterstützung als auch Kritik: Kepler persönlich errechnete und interpretierte reihenweise Horoskope und war Hofastrologe Wallensteins. Er wehrte sich aber öffentlich gegen Weissagung – jenen Zweig der Astrologie, der seit dem römischen Reich die größte Bekanntheit genoss, ließ sich doch damit schnelles Geld verdienen.

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